Sodengetriebe von „ZF Friedrichshafen AG“, gebaut für Victoria KRIII Baujahr 1924

Das ZF- Soden-Getriebe für Victoria, Typ KRIII, 1924-1926:

„ZF Friedrichshafen AG“

Der folgende Bericht befasst sich mit dem Bau eines Sodengtriebes in den Jahren von 1924-1926 welches für schwere Motorräder mit 3 Gängen für die Firma Victoria ausgelegt wurde.

Grundlage dafür ist das Buch von Herrn Dr.-Ing. Werner Beisel : „Das Sodengetriebe“ in Fahrzeugen der Zwanziger Jahre (2018). Für interessierte Leser hier die ISBN-Nummer: 978-3-00-058503-6. Das Soden-Motorrad-Getriebe ist hierbei nur ein kleiner Teil des Umfanges, welches im Buch beschrieben wird. Sehr umfangreich werden diese Getriebe für die gesamte Fahrzeugbranche bis hin zur Militärtechnik, Nutzfahrzeuge und vor allem Personenkraftwagen auf fast 400 Seiten dargestellt…

Mit der freundlichen Unterstützung von „ZF Friedrichshafen AG“ – Historische Kommunikation, wurde Dr. Beisel mit Archivmaterial versorgt, ansonsten wäre wohl ein solches Werk gescheitert.

Für meine Internetseite bekam ich die Freigabe von Dr. Beisel und von ZF“ zur Verwendung deren Unterlagen, wofür ich mich recht herzlich bedanke.

Aber, wie bin ich zu diesen Informationen gekommen ?

Am zweiten Oktober Wochenende findet immer in Mannheim immer die „VETERAMA“, der größte Oldtimermarkt in Europa statt. Von Freunden bekam ich die Info, irgendwo am Eingangsbereich liegt ein altes Getriebe von Victoria herum. Gesagt, getan, nach einiger Zeit bin ich fündig geworden. Das lag es, auf den ersten Blick ein KRIII-Getriebe. Auf den zweiten Blick – ein Anschluss einer drehbaren Welle und ein Ausrückhebel ? Sowas gab es bei einem Standard-Getriebe nicht. Zum Glück musste ich nicht ewig rätseln, da der Verkäufer die Lösung mit hatte, nämlich das frische Werk eines Buches, wie Eingangs beschrieben. Da gab es natürlich kein zögern, das Teil nehme ich mit…

Die folgenden Bilder zeigen das originale Victoria-Soden-Getriebe für ein Motorrad Typ KRIII aus dem Jahr 1924:

oben Ausrückhebel, unten Gangwahl-Anschluss über Welle.

Für den Einsatz im Motorrad konnte dieses kompakte Dreigang-Soden-Getriebe mit nur einer Vorgelegewelle dargestellt werden. Die Getriebewellen lagen quer zur Fahrtrichtung, der Schaltungsmechanismus war in Fahrzeug-Längsrichtung angeordnet. Bei diesem Getriebe führte der Kraftfluss für die ersten beiden Gänge über eine Vorgelegewelle, der dritte Gang wurde als Direktgang ausgeführt. Die Gangvorwahl erfolgte durch einen Drehgriff am Lenker. Mit dem Mechanismus zur Gangvorwahl war eine Anzeige des Ist-Ganges verbunden. Die grundsätzliche Funktion der Schaltung entsprach den PKW- und LKW-Fahrzeuggetrieben. Technisch wurde der Aufbau des Schaltungsteiles jedoch anders gelöst. Die Vorrichtung zum Auslösen der Schaltung und zum Abheben der Schaltgabeln beim Kuppeln nach Gangvorwahl bestand aus einer in Längsrichtung geschlitzten Hohlwelle. Durch Verdrehen dieser Hohlwelle beim Auskuppeln wurden alle drei Schaltgabeln gegen Federkraft in Richtung -Offen- gedrückt. Die Betätigung der Welle erfolgte hinten an der Getriebeunterseite über einen Hebel. Der Mechanismus zur Verriegelung der Schaltgabeln befand sich beim Motorradgetriebe innerhalb der durch die Kupplungsbetätigung zu verdrehenden Hohlwelle. Diese Verriegelung erfolgte durch einen axial verschiebbaren Riegelschieber. Dieser wurde durch den Drehgriff am Lenker gegen Federkraft axial gedrückt. Abhängig von der axialen Stellung des Schiebers wurde die Schaltgabel für den jeweils vorgewählten Gang freigegeben. Über die axiale Stellung des Riegelschiebers war eine Anzeige des Ist-Ganges möglich. Text: Dr.-Ing. W. Beisel.

„ZF Friedrichshafen AG“

Querschnitt im Bereich der An- und Abtriebswelle, Blick von hinten.

Waagerechter Schnitt in der Wellenebene, Blick von oben.

Schnitt im Bereich der Gehäuseteilung durch die Getriebewellen, Blick von links. „ZF Friedrichshafen AG“

Es folgt – Victoria KRIII-Gespann als Prototyp mit ZF Dreigang-Soden-Getriebe. Hinterradantrieb über Kette, Bremse hinten als Keilbremse zwischen Hinterrad und Kette von 1925:

„ZF Friedrichshafen AG“

Daten zum Fahrzeug:

Kennzeichen: III Z-6098 (Zulassung in Tettnang) Prototyp auf ZF-Fotos.

Für die Fahrzeugerprobung hat ZF mindestens ein Motorrad mit Seitenwagen der Firma Victoria Nürnberg vom Typ KRIII erworben. Das Getriebe liegt hinter dem Zweizylinder-Boxermotor und wird von diesem mit einer Kette angetrieben. Die auf den ZF-Bildern sichtbare große Schwungscheibe sitzt auf der Motor-Kurbelwellen-Achse. Die zwei Zylinder des Boxermotors liegen in Fahrzeuglängsrichtung. Die Einbausituation vom Soden-Getriebe und vom Dreigang-Handschaltgetriebe des Serienmodells ist vergleich- bzw. austauschbar. Text: Dr.-Ing. W. Beisel

Einbausituation des Soden-Getriebes hinter dem KRIII Boxer-Motor. Der rote Pfeil markiert den Anschluss der Kupplungsbetätigung, bzw. die Betätigung der Getriebewelle.

Das nächste Bild zeigt den Gangwähler für das Soden-Getriebe am Lenker der Victoria KRIII. Die Gangvorwahl erfolgt über den Drehgriff, der über einen kleinen Hebel mit dem Daumen entriegelt wurde. Der Doppelhebel ist für die  Gas (unten)- bzw. Luftregulierung (oben) zuständig:

Die Ist-Gang-Anzeige befand sich in Verlängerung der Drahtspiralleitung zum Getriebe. Aktuell ist der erste Gang vorgewählt, das Getriebe befindet aber noch im Leerlauf:

Die Einträge im Zeichnungsbuch datieren für die Motorradvariante von März bis November 1924. Unter den Versuchs-Unkosten sind für die Jahre 1924 und 1925 Kosten für Versuche mit dem neuen Motorrad-Soden-Getriebe erfasst. Für diese Versuche wurden drei Motorradgetriebe hergestellt, die Kosten hierfür lagen bei 3.024.- Mark. Für die konstruktive Mitarbeit am Soden-Motorrad-Getriebe wurden an den Oberingenieur Wilhelm eine Vergütung von 5.000.- Mark bezahlt. Die erfassten Versuchskosten waren im Vergleich dazu minimal. Die Relation zwischen Konstruktionskosten und Versuchskosten sieht heute völlig anders aus, der Versuchsaufwand übersteigt den Konstruktionsaufwand beträchtlich. in einem technischen Bericht zum Geschäftsjahr 1924 wurde vermerkt, das im vergangenen Jahr für Motorräder eine Soden-Getriebe-Konstruktion durchgeführt wurde und die Versuche zur Zufriedenheit beendet wurden. Das Victoria Motorrad mit ZF Getriebe wurde im September 1927 an Albert Schrag verkauft, der in diesem Jahr als Prokurist für die Buchhaltung bei ZF verantwortlich war.

Am 01.08.1924 meldet die Zeitschrift MOTOR „Mit einem Soden-Motorrad-Getriebe hat Z.F. ein ganz neues Feld der Absatzmöglichkeit geschaffen.“ In der Zeitschrift MOTOR vom März 1925 auf Seite 86 wird eine Statistik zu Motorrädern auf die Zahnradfabrik Friedrichshafen hingewiesen „Geräuschloser Lauf des Getriebes lässt sich erreichen durch die sogenannte Maag-Verzahnung, welche von der Zahnradfabrik Friedrichshafen hergestellt wird; diese Firma baut auch das Soden-Getriebe für Motorräder, das wegen der Erleichterung des Schaltens größte Beachtung verdient.“ Vom Soden-Motorrad-Getriebe wurden nach bisherigen Erkenntnissen ausschließlich Prototypen hergestellt. Es kam nicht zum Serieneinsatz. Text: Dr.-Ing. W. Beisel.

Fazit: Es wurden wahrscheinlich nur drei Stück dieser seltenen Soden-Motorrad-Getriebe hergestellt. ES sind zwei dieser Getriebe bekannt. Der Nachbau einer Gangvorwahl mit Wellenanschluss, welche ja auch noch nicht auffindbar war, gestaltet sich schwierig, ist aber lösbar.  Wahrscheinlich hat das Getriebe bei der Übernahme von ZF für Victoria in die Serienproduktion zu hohe Kosten verursacht und die Serienmaschine KRIII wäre dann im Endprodukt zu teuer geworden, deshalb wurde diese Neuerung verworfen. Schade, denn mit dieser Art von Schaltung wäre Victoria einen Meilenstein der Konkurrenz voraus gewesen.

Weiterhin hat man die sogenannte Kaffeemaschinen-Schaltung, also als Handschaltung mit einer Durchführung durch den Benzintank und über ein Gestänge zum Getriebe beibehalten. Das war sicherlich die kostengünstigste Variante:

Handschaltung oberhalb Benzintank.

Originale Victoria KRIII mit Seriengetriebe.

Linke Seite der Kupplung (Primärseite).

Schnitt durch das Seriengetriebe.

Rechte Seite der originalen Victoria KRIII:

 

Mit der letzten Victoria KRIII von 1928 hat man dann die Schaltung an die rechte Seite vom Motor verlegt:

Diese Neuerung war von der Handhabung natürlich die bessere Variante, aber mit dem modernen Soden-Getriebe und der damit verbundenen Handschaltung am Lenker, hätte Victoria, wie bereits erwähnt einen ganz großen Durchbruch erreicht.

ZF – Soden-Getriebe mit Gang-Wahl am Lenker.

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